Musik im Internet - Chance oder Gefahr für die Popindustrie?

Der Fall Napster

Die Plattenbosse weltweit haben sich im Kampf gegen einen Gegner vereint: Napster. Seit über die Tauschplattform im Internet Tausende von Musikstücken kopiert werden, klagen Hersteller und Künstler über Umsatzeinbußen.


Im Mittelpunkt des Kampfes der Musikproduzenten gegen die weltweite Anarchie und Gesetzlosigkeit des Internets steht der Name Napster. Die Tauschplattform des jungen Softwareentwicklers Shawn Fanning hat sich zum Hassobjekt fast aller Plattenbosse und auch vieler Künstler entwickelt. Dabei geht es in erster Linie um viel Geld. Allein 300 Millionen Dollar sollen der US-Industrie durch die relativ neuen Austauschmöglichkeiten im Internet durch die Lappen gegangen seien. Über die Möglichkeiten und Chancen dieser neuen Art des Musikvertriebes machen sich die sogenannten "Majors", die Megakonzerne der Branche, erst wenige Gedanken. Bisher vermutlich zu wenige.

Musik im Internet
Der Boom des Musiktransfers über die weltweiten Datennetze wurde ermöglicht durch ein Verfahren des Fraunhofer-Instituts für Integrierte Schaltungen in Erlangen. Das sogenannte MP3-Format, eine Weiterentwicklung des MPEG-Formates zur Speicherung von Multimediainhalten, ermöglicht die Komprimierung von Musikstücken auf gut ein Zehntel ihrer ursprünglichen Größe. Vor allem sich überdeckende Töne, die das menschliche Ohr nicht hört, werden herausgefiltert. Bei den gut verkäuflichen aktuellen, oft mit schon mit Computerhilfe bearbeiteten, komplexen Kompositionen der Rock- und Popmusik führt das MP3-Verfahren zu besonders guten Ergebnissen. Ein Qualitätsunterschied ist so fast nicht mehr erkennbar. Und so bietet sich nicht nur die Möglichkeit, weit mehr Lieder auf einer CD zu speichern, sondern auch, diese über das Internet zu versenden. Würde die Datenübertragung eines nicht komprimierten Liedes direkt von CD bei einem herkömmlichen Computer ohne ISDN-Leitung oft weit mehr als 3 Stunden dauern, ist eine MP3-Datei fast gleicher Musikqualität in gut 20 Minuten überspielt. Bei den zudem sinkenden Gebühren für den Internetzugang "bezahlt" der Benutzer nur noch wenige Pfennige pro Song.

Nun kann also jeder Computerbesitzer legal mit Hilfe kleiner, kostenlos im Internet verfügbarer Programme, seine eigenen Lieder als MP3-Dateien speichern und zum Beispiel beim Joggen auf einem MP3-Player hören. Mangels mechanischer Teile kommen Sprünge und Ausfälle im Musikgenuss nicht mehr vor. Illegal ist erst das Anbieten oder Handeln mit MP3. Und ohne Napster war es auch mühsam. Bis ein gesuchtes Lied auf einer der Millionen weltweit verfügbarer Internetseiten aufgefunden war, verging meist mehr Zeit als später beim Download der Datei. Mit Napster kam hier ein neues Programm ins Spiel. Jeder Benutzer meldet der zentralen Suchmaschine, welche Dateien auf dem eigenen Rechner vorhanden sind. Über eine Suchmaske kann man dann nach weiteren Stücken suchen und diese von einem anderen Benutzer laden. Der Tausch wird somit wesentlich erleichtert, wobei sich um das Urheberrecht der Musikstücke wohl kaum ein Napster-User Gedanken macht.

Napster vor Gericht
Gegen diesen Handel mit geschützter Musik geht nun aber die Musiklabels massiv vor. Mitte Juli erwirkte der Verband der amerikanischen Plattenindustrie RIAA vor einem Bundesgericht in San Francisco die Schließung von Napster. Über Napster würden dermaßen viele Musikstücke getauscht, dass die Industrie Verluste in dreistelliger Millionenhöhe zu verkraften habe. Einer Studie zufolge gehe der Absatz von CD- und Plattenläden im Einzugsbereich amerikanischer Universitäten, die zumeist über sehr schnelle Datenleitungen verfügen, um 8 Prozent zurück. Doch Napster konterte nur wenig später. Ein Berufungsgericht hatte entschieden, dass Napster Zeit brauche, um seine Datenbestände nach illegalem, also raubkopiertem, Material zu durchsuchen. Und das kann dauern. Zudem liegt nun eine andere Studie vor, die ermittelt hat, dass fast die Hälfte der befragten Jugendlichen ihre Ausgaben für CDs erhöht haben, seit sie im Internet Musik-Seiten abfragen.

Alternativen zu Napster
Und schon tauchen neue Programme im Internet auf. Gnutella zum Beispiel benötigt keinen zentralen Server mehr. Hier verbindet sich jeder Rechner mit mehreren anderen und bildet so ein anonymes und stabiles Netz. Dieser Gedanke war schon bei der Entstehung des Internets verfolgt worden. Viele kleine Rechner sollten über etliche Leitungen miteinander verbunden werden, um den Ausfall einzelner ohne Leistungsverlust zu überstehen. Die Schöpfer von Gnutella selber werben damit, ihr Netz überlebe auch einen Atomschlag. Da Gnutella ohne zentrale Verwaltung auskommt, kann aber auch keine zu verklagende Firma mehr ausfindig gemacht werden. Hier werden die Anwälte der Musikindustrie vermutlich jeden einzelnen Nutzer mit massiven Drohungen vom Tausch der Daten abhalten müssen. Ein nahezu unmögliches Unterfangen.

Die Zukunft der Musik
Immerhin beginnt die Musikindustrie jedoch, sich mit dem neuen Medium Internet anzufreunden. Zum einen bieten sich hier neue Möglichkeiten für Marketing und Promotion. Schon heute schalten die Jugendlichen ihren Computer eher und häufiger an, als Fernseher oder Musikanlage. Inhalte lassen sich gezielter suchen und sind fast immer topaktuell. Auch der e-Commerce nimmt zu, der Handel und Einkauf über die Datenleitung oder in naher Zukunft über das UMTS-Handy. Zu guter Letzt wird aber die "Digitale Distribution" entscheidend sein. Große Unternehmen wie die Bertelsmann-Tochter BMG wissen zwar von dieser Möglichkeit, müssen aber auch zugeben, noch keine weitergehenden Nutzungskonzepte für diesen Bereich zu haben. Denn insbesondere zwei Aspekt sind noch völlig offen. Zum einen eine Technik, die das illegale Kopieren solcher Musik sicherstellt, denn kein Konzern wird Musik im Internet anbieten, wenn diese später ohne Bezahlung geladen oder kopiert werden kann. Zum anderen die generelle Schwierigkeit, im Internet bezahlen zu können, ohne zum Beispiel Kreditkartendaten übermitteln zu müssen. Bis zum e-Cash, zum virtuellen Kauf ohne Risiken, wird noch einige Zeit vergehen.

Eines kann die Musikindustrie allerdings noch nicht einsehen und vielleicht wird sie es auch nie. Der technische Fortschritt wird es immer erlauben, Kopierschutzsysteme zu knacken. Einen endgültigen Schutz wird es nicht geben. Wo eine Übertragung aber so einfach ist, wie im Internet, muss auch die Kaufschwelle gesenkt werden. Preise von 10 DM für ein einzelnes Lied, wie sie heute bei Maxi-CDs in normalen Läden verlangt werden, sind im Internet einfach lächerlich. Schon lange stehen Produktionskosten und Verkaufspreise in der Musikbranche in keinem Verhältnis mehr zueinander. Die Plattenbosse werden ihre überhöhten Preise senken müssen – und zwar deutlich.


© Jörg Steinhaus 2000
erschienen in Kronos. Nr. 9. September 2000. Wirtschaft. Seite 7.

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