Die Europäische Union verbietet die Tiermehlverfütterung

Das Rind liegt im Brunnen

Nach jahrelangen Beschwichtigungen hat es nun auch die deutsche Landwirtschaft erwischt: der Rinderwahnsinn ist unter uns. Bestürzt verlassen die Kunden ihre Metzger und kaufen Schwein und Huhn. Natürlich ist dies nur ein Strohfeuer, bald schon werden die Verbraucher zurückkehren. Und doch hat sich nun endlich die Politik der Sache angenommen. Doch was hilft wirklich gegen BSE?


Der deutsche Mythos, die große Agrarkrise in der EU bisher ohne eigene BSE-Fälle überstanden zu haben, ist seit Mitte November passť. Die Heuchelei deutscher Politiker ist damit zum Glück allerdings auch hinfällig geworden, was zu einer Schnelligkeit im bürokratischen Handeln führte, die kaum einer noch erwartet hätte. Da in Europa auch weiterhin nichts ohne die Beteiligung der großen Staaten vorangetrieben wird, könnten sich die ersten an Rinderwahnsinn erkrankten deutsche Kühe auf lange Sicht als Vorteil für die Verbraucher erweisen. Nur so war es möglich, innerhalb kürzester Zeit ein europaweites Verbot der Tiermehlverfütterung und BSE-Schnelltests herbeizuführen.

Die Politik der EU
Zweifellos wurde im Kampf gegen die offensichtlich auf den Menschen übertragbare Rinderseuche BSE zu lange nicht gehandelt. Doch diesmal müssen sich die deutschen Politiker dabei an die eigene Nase fassen. Keineswegs lag die Schuld am langen Herauszögern geeigneter Maßnahmen an den Mühlen der europäischen Bürokratie. Vielmehr glaubten die Deutschen nichts unternehmen zu müssen.

Das europäische Parlament drängte bereits seit Jahren, die Gesundheitsminister warnten ebenso. Da jedoch die Hälfte des EU-Haushaltes für Agrarzwecke verwendet wird, ist hier auch die landwirtschaftliche Lobby besonders tatkräftig. Und die deutschen Regierungen, sowohl unter Kohl als auch seit 1998 unter Schröder, blieben bei ihrer arroganten Haltung, dass BSE ein britisches und eventuell portugiesisches oder französisches Problem sei. Dabei sind die Fakten seit langem bekannt.

15 Jahre BSE
Der erste bekannt gewordene Infektionsfall ereignete sich Anfang 1985 in Südengland. Ein Jahr später wird klar, dass es sich um eine neue, durch krankhafte Eiweiße ausgelöste Seuche handelt und Ende 1987 kann verseuchtes Tierfutter als Ursache genannt werden. Binnen eines halben Jahres reagiert die englische Regierung und verbietet die Verfütterung von Tiermehl an Wiederkäuer. Doch die Katastrophe ist da nicht mehr aufzuhalten. Inzwischen sind mehr als 170.000 Fälle von BSE in Großbritannien bekannt geworden, doch etliche erkrankte Rinder scheinen in den Handel gelangt zu sein. Es wird geschätzt, dass jeder Brite bis Mitte der 90er Jahre rund 50 Portionen verseuchten Fleisches gegessen hat. Dabei ist jedoch sowohl die Anzahl der Erreger je nach Körperteilen des Tieres unterschiedlich als auch weiter ungeklärt, bei welcher Menge aufgenommener Prionen der Mensch erkrankt. Bei Rindern jedenfalls konnte nachgewiesen werden, dass die direkte Aufnahme von nur 0,1 Gramm hochinfektiösen Hirnes zur Erkrankung führte. Auf schieres Muskelfleisch, dass nur bis zu 10 Erreger pro Gramm aufweist, umgerechnet, ergäbe dies eine zu verzehrende Menge von 10 Tonnen.

Gegenmaßnahmen
Die Gefahr für die Tierhaltung konnte bisher dadurch nicht verringert werden, dass eben auch dieses stark belastete Rinderhirn mit in die Tiermehlproduktion einfloss. Nun soll dieses Risikomaterial schon bei der Schlachtung getrennt entsorgt werden, in Deutschland seit dem 1. Oktober 2000. Zu spät, wie viele Kritiker meinen. Dabei hat Deutschland im Kampf gegen BSE in Europa die anderen Länder immer zu weiteren Maßnahmen gedrängt, konnte sich aber oftmals nur langsam durchsetzen, da hierzulande keinerlei Fälle aufgetreten waren. Somit empfanden die anderen EU-Staaten die deutschen Vorstöße, auch in bezug auf Importverbote, immer als anmaßend.

Doch kaum steht Deutschland auf der Seite der Länder mit BSE-Fällen, beginnen sich angeblich nicht betroffene Länder wie Österreich gegen weitreichende Maßnahmen zum Schutz der Verbraucher zu wehren. Denn zweifellos kommen auf die EU enorme Kosten durch das Tiermehlverfütterungsverbot zu. Bis zu 4 Milliarden Euro müssen aufgewendet werden, um vorhandenes Tiermehl zu entsorgen und den Bauern Ersatzfutterstoffe zur Verfügung zu stellen. Dabei wird dann wohl zukünftig vor allem auf importiertes Soja zugegriffen, welches ebenfalls nicht unbedenklich ist. Neben genmanipuliertem Soja wird dann auch südamerikanischer Schrot den Weg in deutsche Rinder finden, das durch Monokultur die lokale Umwelt beeinträchtigt. Heimische Futterpflanzen wie Ackerbohnen oder Kleegras stellen einen Ausweg dar, müssen jedoch erst in größeren Mengen angebaut werden. Ohne eine Kontrolle der Verbote wird sich jedoch nicht jeder an diese neuen Maßnahmen halten und auch die europaweite Durchführung von BSE-Schnelltests an allen älteren Tieren ist mehr als fraglich.

Insgesamt also zeigt die aktuelle BSE-Krise, wie anfällig ein riesiges System wie die Europäische Union ist, vor allem im Agrarbereich. Nach einer Erweiterung der Union, politisch und gesellschaftlich durchaus gewollt, werden diese Probleme nicht geringer werden. Es bleibt zu hoffen, dass die Brüsseler Stellen bis dahin schneller und besser durchgreifen können.


© Jörg Steinhaus 2000
erschienen in Kronos. Nr. 12. Dezember 2000 / Januar 2001. Politik. Seite 4.

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